Stückzinsen: Einkünfte verlagern, Steuern sparen

vom 23. Oktober 2007 (aktualisiert am 11. Mai 2016)
Von: Lutz Schumann

Stückzinsen sind eine der besten Möglichkeiten, um Einkünfte steueroptimal auf verschiedene Steuerjahre zu verteilen. Dabei steht das Stückzinsen-Modell so vielen Einkommensgruppen offen wie kaum ein anderes Steuersparmodell. Das Modell hat den Segen des Bundesfinanzhofs (BFH, Aktenzeichen: VIII R 43/01).

Nachtrag: Dieses Sparmodell ist wegen der kommenden Abgeltungsteuer letztmalig Ende 2008 nutzbar - dafür aber um so lukrativer. Stückzinsen lohnen sich ab einem persönlichen Steuersatz von 25 Prozent, Spitzenverdiener zum Beispiel können ihren Steuersatz um 20 Prozentpunkte senken. Die Oberfinanzdirektion Magdeburg hat jetzt sogar ausdrücklich die hohen Sparmöglichkeiten der Stückzinsen im Zuge der Abgeltungsteuer bestätigt (Aktenzeichen: S 2252 - 104 - St 214 V).

Was Stückzinsen sind

"Stückzinsen" ist ein Fachbegriff aus der Finanzwelt. Dahinter verbergen sich anteilige Zinsen, die zwischen dem letzten Zinszahlungstermin und dem Verkaufstermin von festverzinslichen Wertpapieren aufgelaufenen sind.

Beispiel für die praktische Bedeutung: Ein Anleger besitzt festverzinsliche Wertpapiere. Die Zinsen werden einmal im Jahr ausbezahlt. Zuletzt flossen sie am 10. Januar 2007, der nächste Zinszahlungstermin ist der 10. Januar 2008. Der Anleger verkauft seine Wertpapiere Ende 2007, also vor der nächsten Zinsfälligkeit. Ihm stehen die Zinsen zu, die bis zum Verkaufszeitpunkt aufgelaufen, aber noch nicht ausbezahlt sind. Diese Stückzinsen werden auf den Kaufpreis der Wertpapiere aufgeschlagen.

Wie das Stückzinsen-Modell genau funktioniert

Aus dem obigen Beispiel lässt sich bereits erkennen, wie sich Stückzinsen Steuern sparend nutzen lassen: Wer die Wertpapiere Ende des Jahres kauft, zahlt nicht nur deren Preis, sondern auch die anteiligen Zinsen. Dadurch entstehen ihm Ausgaben, die er Steuern sparend mit anderen Einkünften verrechnen kann. Beim nächsten Zinszahlungstermin erhält er die vorgestreckten Stückzinsen vom Emittenten des Wertpapiers zurück - samt Zinsen für die kurze Zeit, in der er die Papiere besaß. Diese Zinseinkünfte sind im neuen Jahr zu versteuern.

Beispiel: Der Kapitalanleger Max Clever erwirbt am 1. Dezember 2007 festverzinsliche Wertpapiere für 10.000 Euro. Der Zinssatz beträgt 5,5 Prozent pro Jahr, der nächste Zinszahlungstermin ist der 31. Januar 2008. Max Clevers Bank berechnet ihm beim Kauf für den Zeitraum zwischen dem 1. Januar 2007 und dem 31. November 2007 Stückzinsen in Höhe von 504,17 Euro. Am 31. Januar 2008 kassiert er im Gegenzug den vollen Zinsbetrag von 550 Euro.

Wenn Sie das Stückzinsen-Modell nutzen, besitzen Sie als Käufer der Wertpapiere am Anfang des nächsten Jahrs so viel Kapital wie vor dem Kauf. Etwas mehr sogar, denn Sie erhalten ja Zinsen für den einen Monat, in dem Sie die Papiere halten. Von der reinen Anlage her hat sich also nicht viel getan. Sie haben jedoch Einkünfte von einem Steuerjahr ins nächste verlagert, was sich steuerlich sehr wohl auswirkt.

Was das Stückzinsen-Modell steuerlich bringt

Die Stückzinsen tauchen in Ihrer Einkommensteuererklärung 2007 als negative Kapitaleinnahmen auf. Sie verrechnen diesen Verlust Steuern mindernd mit anderen Einkünften, zum Beispiel mit Gehalt, Mieten, Renten oder Zinsen. Das spart Ihnen, je nach persönlichem Spitzensteuersatz, bis zu 45 Prozent plus darauf 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag, also rund 47,5 Prozent. Hinzu kommt gegebenenfalls Kirchensteuer. Beispiel: Mit Stückzinsen in Höhe von 1.000 Euro sparen Sie maximal 475 Euro Steuern (ohne Kirchensteuer).

1. Normaler Steuervorteil: Mit Stückzinsen verlagern Sie Einkünfte aus einem Jahr ins nächste. Das lohnt sich immer dann, wenn Sie im aktuellen Jahr hohe Einkünfte erzielt haben und für das nächste Jahr mit niedrigeren Einkünften rechnen. Anstatt jetzt einen unnötig hohen Steuersatz in Kauf zu nehmen, verteilen Sie Ihre Einkünfte auf zwei Jahre. Sie glätten sozusagen eine Einkommensspitze.

2. Besonderer Steuertrick: Ruhestand. Sie reizen das Steuersparmodell "Stückzinsen" am meisten aus, wenn Sie die Zinszahlung in möglichst einkommensschwache Jahre verschieben, zum Beispiel in den Ruhestand. Dazu eignen sich Wertpapiere, bei denen die Zinsen erst am Laufzeitende fließen, zum Beispiel Zerobonds.

3. Einmaliger Steuervorteil durch die Abgeltungsteuer. Im obigen Nachtrag aus aktuellem Anlass ist bereits auf einen ausführlichen Artikel verwiesen, wie sich Stückzinsen wegen der Abgeltungsteuer besonders rechnen. Hier nur ein kurzer Abriss: Bei einem Wertpapierkauf Ende 2008 wirken sich die Stückzinsen in Höhe des persönlichen Steuersatzes Geld sparend aus, also mit bis zu 47,5 Prozent. Die Zinseinkünfte in 2009 sind dagegen pauschal mit 25 Prozent zu versteuern. Als Spitzenverdiener senken Sie Ihren Steuersatz mit dem Stückzinsenmodell um 22,5 Prozentpunkte. Dieser Steuerspareffekt dank der Abgeltungsteuer ist einzig und allein Ende 2008 möglich!

Extra-Trick: Mit Stückzinsen auf Kredit noch mehr Steuern sparen

Stückzinsen lassen sich mit einem sauberen Trick noch lukrativer machen. Dazu kaufen Sie die Zinspapiere nicht etwa mit Ihrem eigenen Vermögen, sondern auf Kredit. Die fälligen Kreditzinsen setzen Sie als Werbungskosten bei Ihren Kapitaleinkünften ab, damit Sie zusätzlich Steuern sparen.

Achtung! Wählen Sie eine Finanzierung, durch die Sie über die gesamte Laufzeit des Investments einen Gewinn erzielen, auch wenn er noch so klein ist. Dieser Gewinn ist losgelöst von jeglicher Steuerersparnis zu betrachten. Mehr dazu siehe weiter unten unter "Voraussetzungen".

Steuer-Tipp: Schließen Sie mit Ihrer Bank im Jahr des Kaufs der Wertpapiere möglichst einen Kredit mit Disagio ab. Dann zahlt die Bank die Kreditsumme nicht voll an Sie aus, sondern behält einen Abschlag (Disagio) ein, der die Werbungskosten beträchtlich erhöht.

Wer am meisten von Stückzinsen profitiert

Das Stückzinsen-Modell lohnt sich immer dann, wenn Sie am Ende eines Jahres davon ausgehen, dass Sie im nächsten Jahr weniger Geld verdienen. Damit sind die Stückzinsen eines von ganz wenigen Steuersparmodellen, die bereits in einer niedrigen Einkommensklasse nutzbar sind.

Wie bei den meisten Sparmodellen gilt aber auch hier: Je mehr Steuern Sie zahlen müssen, desto höher fällt die Ersparnis aus.

Ende 2008 lohnen sich Stückzinsen wegen der Abgeltungsteuer einmalig für alle Steuerpflichtigen, deren Steuersatz über 25 Prozent liegt. Für einen Spitzenverdiener mit 45 Prozent Steuersatz liegt der steuerliche Unterschied bei 20 Prozentpunkten, Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer nicht eingerechnet.

Finanzämter müssen das Stückzinsmodell anerkennen

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat das Stückzinsmodell abgesegnet (Aktenzeichen: VIII R 43/01). Die Richter entschieden, es sei völlig legitim, durch gezielten Wertpapierkauf den Sparerfreibetrag (seit 2009: Sparerpauschbetrag) auszuschöpfen oder die Einkommensgrenze zu mindern.

Die Oberfinanzdirektion (OFD) Magdeburg erklärte sich ausdrücklich mit dem Stückzinsmodell in Verbindung mit der Abgeltungsteuer einverstanden (Schreiben vom 13. Juni 2008, Aktenzeichen: S 2252 - 104 - St 214 V). Nach Auffassung der OFD liegt kein steuerschädliches Steuersparmodell vor, wenn ein Anleger in 2008 Anleihen erwirbt, die Stückzinsen als negative Kapitaleinnahmen geltend macht und die Ausschüttung erst im Jahr 2009 unter der Abgeltungsteuer steuerpflichtig ist.

Voraussetzungen für das Stückzinsenmodell

Das Finanzamt erkennt das Steuersparmodell "Stückzinsen" an, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind:

Voraussetzung 1: Sie beabsichtigen, mit dem Kauf der Wertpapiere, einen Gewinn zu erzielen - und zwar losgelöst von jeglichen Steuerspareffekten. Dazu muss der Zinsertrag höher sein als die Summe ihrer gezahlten Stückzinsen plus der Bankspesen für den Erwerb und eventuell Werbungskosten fürs Depot.

Sie erfüllen diese Voraussetzung in der Regel dann, wenn zwischen Kauf und Zinsausschüttung mindestens ein Monat vergeht. Denn dann liegt der positive Zinssaldo regelmäßig über den Bankgebühren. Das Finanzamt darf Ihnen keinen Gestaltungsmissbrauch wegen fehlender Gewinnerzielungsabsicht vorwerfen.

Steuer-Tipp: Wenn Sie Ihre Anlage auf Kredit finanzieren (siehe oben), rechnen Sie genau durch, dass über die Laufzeit des Investments kein Verlust entsteht. Denn eine Fremdfinanzierung lässt beim Fiskus alle Alarmglocken klingen.

Voraussetzung 2: Ihre Kapitaleinkünfte liegen oberhalb des Sparerfreibetrags (801 Euro für Ledige, 1.602 Euro für Verheiratete). Geeignete festverzinsliche Wertpapiere gibt es in jeder Bank oder Sparkasse. Sie sollten jedoch auf eine gute Bonität des Schuldners achten und keine exotischen Anleihen kaufen, selbst wenn diese erheblich höhere Zinsen versprechen.

Beispiel: So sparen Stückzinsen Steuern

Max Clever zeichnet im Dezember 2008 eine Anleihe über 150.000 Euro. Zinssatz: 6,25 Prozent, Zahlung der Zinsen: jeweils im Januar. Nach dem Zinszahlungstermin stößt Max Clever die Anleihe ab, er hält die Wertpapiere also einen Monat.

Beispielrechnung für die Steuerersparnis durch Stückzinsen
Ausgabe/Einnahme/SteuerBetrag
Stückzinsen-Rechnung für 2008
gezahlte Stückzinsen für Januar bis November 2008 (150.000 Euro x 6,25 Prozent x 11/12 Monate); entspricht einem Verlust, der direkt mit anderen Einkünften verrechenbar ist8.594 Euro
Steuerersparnis 2008 (8.594 x 47,5 Prozent (*))4.082 Euro
Stückzinsen-Rechnung für 2009
Kapitaleinkünfte 2009 (volle 6,25 Prozent auf 150.000 Euro)9.375 Euro
Abschlagsteuer (26,4 Prozent auf 9.375 Euro (**))-2.475 Euro
Zinseinkünfte 2009, netto= 6.900 Euro
Stückzinsen-Gesamtvorteil
Steuerersparnis 2008 (siehe oben)4.082 Euro
gezahlte Stückzinsen 2008-8.594 Euro
Zinseinkünfte 2009, netto+ 6.900 Euro
Gesamtvorteil durch Stückzinsen-Modell= 2.388 Euro
Stückzinsen-Rendite
In diesem letzten Schritt wird die Rendite des Stückzinsen-Modells ermittelt. Diese Berechnung ist notwendig, um die gewinnbringendste Anlagemöglichkeit zu bestimmen. Denn gerade zum Ende des letzten Jahres vor der Abgeltungsteuer stehen verschiedene (steuer)günstige Investitionen zur Auswahl.
Kaufpreis der Wertpapiere150.000 Euro
plus Stückzinsen+8.594 Euro
Gesamtinvestition 2008= 158.594 Euro
Gewinn durch Zinseinkünfte und Steuerersparnis (Gesamtvorteil Stückzinsen-Modell, siehe oben)2.388 Euro
Rendite nach einem Monat (2.388 Euro / 158.594 Euro x 100)rund 1,51 Prozent
Vergleich 1: Rendite vereinfacht hochgerechnet auf ein Jahrrund 18,07 Prozent
Erklärung: Der Wert in "Vergleich 1" stellt beispielhaft dar, welche Rendite das Stückzinsen-Modell einbringt, wenn man den Vorteil des einen Monats aufs Jahr hochrechnet. Zwar handelt es sich mit über 18 Prozent um eine äußerst hohe Rendite, doch ist der tatsächliche Geldbetrag wegen der Monatsfrist vergleichsweise klein.
Vergleich 2: mittlere Rendite, wenn die Zinspapiere insgesamt ein Jahr gehalten werdenrund 7,25 Prozent
Erklärung: "Vergleich 2" zeigt einen aussagekräftigeren Wert: Es wird angenommen, dass Max Clever seine Zinspapiere ein weiteres Jahr hält und seine bisherigen Zinsen samt Steuervorteil in die gleichen Papiere komplett reinvestiert. Dadurch wird der kurzfristige Steuervorteil in eine mittelfristige Anlage eingespeist. Max Clever hält seine Zinspapiere also insgesamt 13 Monate, bevor er sie abstößt. Die erwirtschaftete Rendite vor Steuern wurde auf den Vergleichszeitraum von 12 Monaten umgerechnet.
(*) 42 Prozent Spitzensteuersatz plus 3 Prozentpunkte Reichensteuer, plus darauf 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag, ergibt 47,475, aufgerundet 47,5 Prozent
(**) 25 Prozent Abgeltungsteuer plus darauf 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag, ergibt 26,375 Prozent, aufgerundet 26,4 Prozent.

Fazit: Max Clever spart durch den Kauf einer Anleihe in den letzten Wochen des Jahres 2008 bis zu 47,5 Prozent (*) Steuern. In einer der ersten Wochen 2009 zahlt er für die Zinsen aus seinem Investment die niedrige Abgeltungsteuer von 26,4 Prozent (**). Insgesamt "verdient" Clever durch das Stückzinsenmodell 2.388 Euro.

Fazit 2: Wenn Max Clever seine Zinspapiere ein weiteres Jahr behält, erwirtschaftet er unterm Strich eine Rendite vor Steuern von rund 7,25 Prozent. Der Zinssatz der Wertpapiere beträgt jedoch nur 6,25 Prozent. Durch das Stückzinsen-Steuersparmodell erhöht er seine Rendite also um einen ganzen Prozentpunkt.


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